Regionale Diakonie Südhessen zur Situation der Drogenhilfe scentral
Anlass ist die Vorlage des Antrags „scentral / Herrngarten – Sicherheit und Hilfe gemeinsam stärken“ zur Beschlussfassung in der Stadtverordnetenversammlung. Dazu gibt die Regionale Diakonie Südhessen Ihre fachliche Einschätzung.
Der Gedanke einer vollständigen Verlagerung der offenen Drogenszene aus dem Herrngarten ist nachvollziehbar. Zugleich bleibt jedoch offen, wohin die Menschen ausweichen können. Durch Verlagerungen entsteht ein kurzzeitiger positiver Effekt vor Ort. Aus unserer Erfahrung tauchen die Menschen dann allerdings an verschiedenen anderen Stellen wieder auf. Dort sind sie weder zugänglich, noch in ihren Szenenbewegungen steuerbar. Eine Verlagerung der Drogenszene ist eine politische Antwort auf ein Problem. Es gibt bisher keine Beispiele dafür, dass eine solche Verlagerung erfolgreich gelungen wäre. Eher im Gegenteil. Die Verlagerung an die städtische Peripherie erzeugt mehrere neue Probleme und erheblich mehr Folgekosten. Als Beispiel mag die Drogenszene am Kölner Neumarkt dienen. Nach der „Bereinigung“ des Platzes gibt es nun mehrere kleinere Drogenszenen in der Umgebung.
Hinzu kommt: Drogenabhängige Menschen sind keine homogene Gruppe, die sich auf einen Beschluss hin aus einem Areal zurückzieht und sich an anderer Stelle anbinden lässt. In der Regel entstehen durch diesen Schritt mehrere neue Drogenszenen. Die Menschen müssen ohne Aufwand an den neuen Standort gelangen können, damit sie dort hingehen. Das erfordert regelmäßige Andienung mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder einen teuren Shuttle-Dienst, damit die Angebote dort wahrgenommen werden können. In der städtischen Peripherie gibt es in der Regel keine Möglichkeiten, an Geld für den Kauf von Drogen zu kommen. Damit entfällt eine für die suchtkranken Menschen wichtige Option. Auch die Dealer werden voraussichtlich keine Veranlassung haben, einem politischen Beschluss zu folgen und vermutlich weiter in der Stadtmitte und an den für sie strategisch günstigen Orten bleiben. Um Konsum und Handel konsequent zu unterbinden, wäre der Kontrollaufwand für die Ordnungsbehörden riesig. Stadtmitte, Herrngarten, angrenzende Viertel, die sehr große Fläche zeigt die Unmöglichkeit einer dauerhaften intensiven und damit erfolgreichen Kontrolle.
Bezugnehmend auf den Bericht des Darmstädter Echos vom 10.09.2026 umfasst das dort benannte Areal, welches von einer Klientin „Affenkäfig“ genannt wurde ca.0,3% des Herrngartens. Das Areal wurde im Herbst 2025 in enger Rücksprache mit der Stadt, den zuständigen Dezernaten, den Ordnungsbehörden und den Menschen aus der Drogenszene eingerichtet. Es sollte rückbaubar sein und gleichzeitig einen Schutzraum für die Menschen aus der Szene bieten. Es ist Teil der Wahrheit hinter den Aussagen, dass eben ausschließlich Menschen aus der Drogenszene diesen Platz nutzen und durch Vermüllung und das Liegenlassen von Essensresten für die aktuellen Zustände sorgen. Anfangs als Interim geplant zeigt sich, dass Dinge eine eigene Dynamik entwickeln, wenn sie zu lange sich selbst überlassen bleiben.
Da auf dem Gelände des scentral der Drogenkonsum verboten ist, findet dieser außerhalb statt. Dass dies vor den Augen aller im Herrngarten passiert, konnten bisher weder Ordnungsbehörden noch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des scentral verhindern. Ohne einen Konsumraum wird sich dieses Problem nicht lösen lassen. Hier ist eine Entscheidung der Politik erforderlich. Notwendige Abstände zu Schulwegen und Spielbereichen werden sich im Herrngarten nicht herstellen lassen, was die Einrichtung dort mit Auflagen für Aufenthalt und Zutritt verbinden würde. Wenn, wie beispielsweise in Zürich, der Außenbereich um die Suchthilfeeinrichtung herum engmaschig von Ordnungskräften kontrolliert wird, dann findet aller Konsum entweder drinnen oder ganz woanders statt. Polizei und Suchthilfe verfolgen an dieser Stelle ähnliche Interessen.
Der Ausstieg aus der Sucht und das Warten auf einen Entgiftungs- oder Therapieplatz sind leider ein Problem für drogenabhängige Menschen. Es gibt zu wenig Plätze und die Anforderungen der Kostenträger für solche Angebote haben sich deutlich verändert. Perspektivisch werden nur noch große Klinikverbände diese Anforderungen aus wirtschaftlicher Sicht erfüllen können. Der Ausstieg aus der Sucht wird damit schwieriger und extrem hochschwellig, weil sich auch Kostenzusagen für Behandlungen nicht schnell erwirken lassen.
Alle genannten Punkte zeigen einmal mehr, dass Sucht ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist und nur auf dieser Ebene gelöst werden kann.
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Über die Regionale Diakonie Südhessen
In der Regionalen Diakonie Südhessen engagieren sich rund 300 Mitarbeitende mit und für Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen Hilfe in ihrer Lebenssituation benötigen. In mehr als 30 diakonischen Arbeitsfeldern in den Bereichen Beratungsdienste, Teilhabeleistungen, Wohnungsnotfallhilfe und Gemeinwesenarbeit unterstützt die Diakonie Menschen in allen Lebensphasen und Lebenssituationen. Die Regionale Diakonie Südhessen ist ein Zusammenschluss aus den bisherigen drei Regionalen Diakonien Bergstraße, Darmstadt-Dieburg und Odenwald. Seit dem 01.01.2026 sendet der Sozialverband in seiner neuen Struktur ein noch stärkeres Signal in die Landkreise.